Raum Einhundertdreiundsiebzig
Mein kurzer Bericht zu meinem ersten Praktikum an der Münsterland Klinik
„Die Gruppe in der hundertdreiundsiebzig! Sie dürfen mir gerne einmal unauffällig folgen.“ Diesen Spruch habe ich gefühlt 200 mal in 8 Wochen gebracht, während ich gerade durch den langen Flur an den wachsamen, jederzeit grüssenden und meistens mit Unterarmgehstützen ausgestatteten Personen Richtung MTT vorbeiging. In diesem Raum f inden Hockergruppen statt, die entweder für Hüfte/Knie, Schulter/HWS oder älteren bzw. amputierten Patienten sind. Die allseitsbeliebten Theraband Gruppen im Sitzen, welche auch im kreise einiger Patienten als »Terrorband Gruppen« betitelt werden, darf ich natürlich in der Aufzählung nicht vergessen. „HUNDERFÜNFUNDSIEBZIG??“ „Ähm – Nein. Hunderdreiundsiebzig“ „MACHEN SIE NICHT DAS FASZIENTRAINING IN EINHUNDERFÜNFUNDSIEBZIG?“ „Nein ich mache die Schulter/HWS Gruppe in einhunderDREIundsiebzig!“ Eine sehr häufige Unterhaltung, die ich mit Patienten führen durfte bevor ich die Tür zum Raum öffnete. Meistens war das eine sehr laute »Unterhaltung« die ich vor den anderen wartenden Patienten, die tatsächlich zu meiner Gruppe gehörten, führen durfte. Daraufhin saß ich mit maximal 6 Patienten gemeinsam in einem kleinen Hockerkreis zusammen und leitete viele Übungen an, die die Patienten durchzuführen versuchten. Ganz wichtig ist, dass immer eine Ecke des quadratischen Sitzpolsters zwischen den beiden Beinen nach vorne zeigte, damit die Beine genug Bewegungsfreiheit bei den Übungen haben! Und ja – auch in der Schulter/HWS Gruppe bei der eigentlich nur Bewegungen der Arme stattgefunden haben war dies wichtig zu beachten. Da ich 8 Wochen lang darauf achten musste, hat sich diese Art auf einem eckigen Hocker zu sitzen so eingeprägt, dass ich sogar letztens in einem großen bekannten Kleidungsgeschäft beim Hinsetzen extra nochmal den Hocker angehoben und um ein Achtel gedreht habe, damit beim Warten auf meine Freundin, die gerade die neuen Kleidungsstücke anprobieren wollte, meine Beine genug Bewegungsfreiheit haben. Ich glaube ich kann mich mein Leben lang nicht mehr anders auf eine solche Sitzgelegenheit setzen.
Natürlich bestand mein klassischer Arbeitsalltag in der Münsterland Klinik in Bad Rothenfelde nicht nur aus diesen Gruppen. Es gab nämlich auch noch viele Weitere für unterschiedliche Patientengruppen im Schwimmbad oder in der Gymnastikhalle. Einzeltherapien hatte ich selbstverständlich auch einige.
Vor allem die erste Zeit meines Praktikums bestand fast ausschließlich aus Gruppen. Ich fand das zunächst erst ein bisschen schade, da meine Freunde schon immer von den spannenden Fällen in den Einzeltherapien, die sie schon hatten, berichten konnten und ich noch nicht. Das Spannendste was ich zunächst zu erzählen hatte, waren meine hundertdreiundsiebzig/hundertfünfundsiebzig Gespräche. Allerdings hat sich dann von Woche zu Woche die Anzahl an Einzeltherapien auf meinem Arbeitsplan für den Tag vermehrt und die Gruppen wurden weniger. Somit wurde ich allmählich immer näher an den klassischen Alltag als Physiotherapeut in dieser Rehaklinik herangeführt. Im Nachhinein finde ich daher die Art und Weise der Planung für die Praktikanten, zu Beginn viele Gruppen und am Ende des Praktikums mehr Einzeltherapien zu haben, sogar sehr gut! Denn viele meiner Freunde berichteten auch von Erlebnissen in denen sie sich überfordert fühlten. Das hatte ich zum Glück nicht einmal so richtig im gesamten Praktikum gehabt, da ich in einer guten Geschwindigkeit immer weiter herangeführt wurde.
Auch ich durfte natürlich in manchen Situationen mit Patienten zweimal überlegen wie ich nun vorgehe. Nach mehreren Befunden mit Patienten mit einer neuen Hüfte oder einem neuen Knie, hatte ich auf einmal unerwartet eine Patientin mit Schulterschmerzen als Neuaufnahme. Dann durfte ich zunächst einmal etwas rattern und die ganzen Testierungen an der Schulter nochmal schnell in meinem Kopf durchgehen, aber auch das hat nach kleinen Startschwierigkeiten auch sehr gut geklappt. In der Rehaklinik wird jeder Patient die gesamte Zeit vom selben Physiotherapeuten begleitet. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich bei jedem Abschlussbefund am Ende des Rehaaufenthaltes der Patienten bei der Frage „Patientenziele erreicht?“ „Ja“ ankreuzen konnte.
Das größte Kompliment für mich war allerdings von einer Frau, dessen Namen ich bis heute nicht genau weiß, da ich diese nur in den Gruppen hatte. Sie war mir in den Gruppen nie groß aufgefallen. Bis sie einmal am Ende einer Gruppe, selbstverständlich im Raum Einhunderdreiundsiebzig, nachdem alle schon den Raum verlassen hatten, zu mir kam und mich angesprochen hat. Die Frau hat mir erzählt, dass sie am meisten Spaß in den Gruppen hatte, die ich gegeben habe und sie merkt wie sehr ich in meinem Beruf aufgehe. „Sie haben genau ihren Beruf gefunden, Herr Hesse!“, war der Satz den sie sagte, als sie mir eine große Packung Schokolade in die Hand drückte. Daraufhin verabschiedete sie sich, da sie am nächsten Tag wieder nach Hause fährt und verließ den Raum. Für diese Frau war das wahrscheinlich nur eine Kleinigkeit, doch für mich war das mein absolutes Highlight im gesamten Praktikum! Auch wenn ich selbstverständlich viele weitere schöne Erlebnisse hatte. Denn die Frau hatte Recht! Ich habe mich endlich nach langer Zeit wieder bestätigt gefühlt, dass der Beruf des Physiotherapeuten genau mein Ding ist! Nach langem Büffeln in der Schule tut die Praktikumszeit nun richtig gut. Seit kurzem bin ich in meinem zweiten Praktikum im Klinikum Osnabrück in der Neurologie. Ein ganz anderer Bereich mit ganz anderen Patientenprofilen, der mir auch nochmal die Vielseitigkeit der Physiotherapie aufzeigt.
Zum Ende noch ein kleines Fazit. Habe ich genau diesen Ablauf in meinem ersten Praktikum so erwartet? Nein – ich glaube nicht. Ehrlich gesagt habe ich mir allerdings nicht so viel vorgestellt. Ich versuche mit so wenig Erwartungen und Vorstellungen in jedes einzelne Praktikum zu gehen, um nur so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln und so objektiv wie möglich für jeden Bereich und jeder Einrichtung zur sein. Kann ich mir vorstellen irgendwann in einer Rehaklinik zu arbeiten? Ja – bisher kann ich das. Allerdings bin ich, wie gerade schon angedeutet, für jeden Bereich der Physiotherapie erstmal offen. Ich freue mich jetzt in meinem zweiten Praktikum ganz andere Eindrücke sammeln zu dürfen. Ich denke, dass das in jedem Praktikum der Fall sein wird. Ich kann jedem aus den Kursen unter mir nur raten als Wunsch die Münsterland Klinik anzugeben, wenn es mit der Planung der Praktika losgeht. Die Art und Weise wie die Festangestellten mit den Praktikanten umgehen finde ich sehr gut. In jeder freien Zeit bin ich sehr gerne mit den anderen Physios mitgegangen, um mir deren Einzeltherapien oder Gruppen anzugucken. Jeder Praktikant hat einen eigenen Ansprechpartner. Meine Betreuerin war Kirsten, die ich am Ende dieses Textes nochmal besonders erwähnen möchte, da sie sich sehr viel Mühe gemacht hat mir in allem zu helfen wo ich Hilfe brauchte.
Finn, Kurs 10.23


