Endlich Schulgeldfreiheit oder: Der Wert von Physiotherapeuten

Der Fachkräfteengpass in der Physiotherapie  — seit Jahren bekannt und benannt — kommt jetzt bei uns an; wo sind die Reaktionen in Politik und bei den Kostenträgern, um diesen gesellschaftlich so wichtigen Beruf wieder attraktiv zu machen?

„Stell dir vor, du hast einen Schlaganfall, sollst Krankengymnastik mit Hausbesuch bekommen und keiner kommt…“.

Diesen Satz las ich unlängst in einer Fachzeitschrift und er bringt die Misere des Fachkräftemangels und der Physiotherapie auf den Punkt. Warum diese Vorstellung schon bald bittere Realität werden wird oder teilweise schon ist, liegt auf der Hand:

Neben der Tatsache, dass Deutschland aufgrund des demographischen Wandels, allgemein immer weniger Auszubildende zur Verfügung stehen werden, gibt es konkrete Gründe, die den Beruf bzw. die Ausbildung zum/zur Physiotherapeut/in sehr unattraktiv machen: Keine Schulgeldfreiheit (liegt derzeit bei monatlich durchschnittlich 400 Euro) ist als erstes anzuführen, gefolgt von hohen Fort- und Weiterbildungskosten, fehlenden Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten sowie einer schlechten Bezahlung. Das Einstiegsgehalt liegt derzeit bei ca. 2100,- Euro brutto und die Aussicht im 20 min Takt arbeiten zu müssen trägt nicht unbedingt dazu bei, die Motivation zur Ausübung und zum Erlernen dieses Berufes zu steigern. Weiter sehen sich junge Menschen, die den Berufseinstieg in Deutschland über ein Studium wählen (seit einigen Jahren wird die Akademisierung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe — darunter auch die Physiotherapie — an einigen Hochschulen geprobt), nach Erreichen des Bachelor Grades, eher nicht als Therapeut an der Bank oder beim Hausbesuch, sondern streben andere Positionen an. Das Resultat: Eine frühe Migration junger Therapeuten in andere Berufe und eine drastisch sinkende Zahl an Auszubildenden an den Berufsfachschulen — keine Therapeuten bzw. viel zu wenige, um uns alle zu versorgen.

Dieser bereits bestehende Fachkräftemangel wird sich vermutlich bis zum Jahr 2030 verdreifachen (Quelle: Studie des Instituts für Europäische Gesundheit- und Sozialwirtschaft von 2017).

Ich frage mich: Was also passiert mit uns, mit dieser alternden Gesellschaft, die auf die helfenden Hände von Physiotherapeuten angewiesen sind? Wie steht es um die Wertigkeit dieses gesellschaftlich so wertvollen und wichtigen Berufs? Wo bleibt die monetäre Wertschätzung von Seiten der Politik sowie der Kostenträger? Bereits seit Jahren ist das Thema Pflegenotstand in den Medien und der Politik heiss diskutiert. Die Situation ist schon jetzt katastrophal, es wurde viel zu spät reagiert. In jüngster Vergangenheit jedoch wurde ein wichtiger Schritt umgesetzt, um die Ausbildung attraktiver zu gestalten:

Die Abschaffung von Schulgeld.

Es ist längst überfällig für mich als Inhaberin und Schulleiterin einer kleinen, familiären privaten Berufsfachschule für Physiotherapie, im Südkreis von Osnabrück, das Wort zu ergreifen, um meinem Unmut über die Situation der Physiotherapieausbildung Ausdruck zu verleihen. Nach einigen Jahren Berufserfahrung an der Universität in Zürich, leite ich nun seit knapp drei Jahren die Eva Hüser Physiotherapieschule in Bad Laer. Diese Schule wird im Jahr 2020 ihr 60 jähriges Bestehen feiern und bildet demnach seit dieser Zeit Therapeuten aus. Diese Tradition/diese Historie macht uns alle, die wir an der Schule lehren und unser Engagement einbringen — um Menschen diesen wundervollen Beruf nahe zu bringen und wichtige Werte weiterzugeben — stolz. Denn; ungeachtet der oben aufgezählten Gründe, die gegen die Ausbildung und die Ausübung dieses Berufes sprechen, gibt es sie, die wenigen Mutigen und ideologisch Geprägten, die sich nicht beirren lassen ihren Weg als Physiotherapeut/in zu gehen, diesen Beruf der berührt, zu erlernen und auszuüben.

Dass eine unabhängige, private Berufsfachschule, wie wir es sind, in Niedersachsen überhaupt noch existiert, ist jedoch ein kleines Wunder!

Zu den Hintergründen: In Niedersachsen bilden — so wie wir das tun — eine Vielzahl von privaten Berufsfachschulen staatlich geprüfte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten aus. Das Land Niedersachsen selbst stellt nur eine geringe Anzahl von staatlichen, schulgeldfreien Schulen zur Verfügung — viel zu wenige, um das Land flächendeckend mit Physiotherapeutinnen und -therapeuten zu versorgen. Somit schliessen die privaten Berufsfachschulen diese Ausbildungslücke und sind damit für das Land Niedersachsen unentbehrlich. Im Hinblick auf den Fachkräftemangel müsste, meiner Ansicht nach, das Land und die Politik demnach dringend Verantwortung übernehmen und die privaten Berufsfachschulen finanziell unterstützen. Das ist jedoch nicht der Fall. Die derzeit vorzufindenden Rahmenbedingungen in Niedersachsen sind für uns private — nicht an ein Krankenhaus angeschlossene — Berufsfachschulen so unattraktiv wie nur möglich. Trotz des riesigen Bedarfs an Physiotherapeuten sieht der Gesetzgeber für freie Schulen in Niedersachsen bislang keinerlei Refinanzierung vor.

Ganz anders die Lage im Süden der Republik; hier werden private Physiotherapieschulen vom Land finanziell stark gefördert, da sie – anders als in Niedersachsen — den Status der Ergänzungsschule tragen. Monetär ausgedrückt werden Schulen seit 2014 pro Schüler und Jahr mit 5.158 Euro und damit 15.474 Euro pro Ausbildung unterstützt,  um die Ausbildungskosten zu decken. Aber selbst dort erheben die Schulen ihre Stimme und fordern mehr Unterstützung (siehe: http://www.schwaebische.de/region/baden-wuerttemberg_artikel,-Physiotherapie-Bald-noch-laengere-Wartezeiten-_arid,10740403.html). Aus diesem Betrag wird ersichtlich, dass ein monatliches Schulgeld von 430,00 Euro nötig wäre um kostendeckend zu wirtschaften. Zum Vergleich, die Ausbildungskosten an der Eva Hüser Schule belaufen sich derzeit auf 400 Euro. Diese Situation führte dazu, dass immer weniger private und unternehmergeführte Schulen existieren. Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks sahen sich viele Schulen gezwungen, finanzkräftige Gesellschafter (wie Gesundheitskonzerne etc.) mit ins Boot zu holen, zu verkaufen, oder sich an Krankenhäuser anzugliedern, denn ausbildende Krankenhäuser werden durch den 2006 mit den Krankenkassen geschlossenen Ausbildungsfonds finanziell unterstützt. Somit kann auch die Ausbildung zum/zur Physiotherapeut/in vom Schulgeld befreit werden.

Neben Gesundheits- und sonstigen Konzernen sowie Krankenhäuser, die die Ausbildung zur Physiotherapeutin/zum Physiotherapeuten anbieten, müssen auch kleine, familiäre, unternehmergeführte Physiotherapieschulen mit langjähriger Tradition eine Chance zum Überleben bekommen. Natürlich sind auch wir ökonomisch orientiert und müssen das sein. Wir sind — wie auch die Loges Schule — in Niedersachsen das gallische Dorf. Ich wage zudem zu behaupten, dass Schulen wie unsere, durch unsere Neutralität und jahrzehntelange Tradition, in ganz besonderem Masse an Werte gebunden sind und die Vermittlung dieser Werte weit vor der ökonomischen Orientierung sehen. Wir sind wichtig und wertvoll für die Heterogenität der Ausbildungsanbieter in diesem Bereich.

Aus diesem Grund und weil ganz generell eine Schulgeldbefreiung für die Physiotherapieausbildung längst überfällig ist, unterstütze ich die Petition und Klage der Loges Schule und rufe jede/jeden Einzelne(n) auf mit ihrer/seiner Stimme diese zu unterstützen und das Land Niedersachsen damit in die politische Verantwortung zu nehmen!

Gebt uns Physiotherapeuten eine Stimme — die Petition ist noch bis 17. November 2017 offen!

https://www.openpetition.de/petition/online/schulgeldfreie-ausbildung-in-der-physiotherapie-das-land-muss-die-schulen-endlich-foerdern